MOBILE FOOD?! Auf dem Weg zu mehr Ernährungssicherheit

Heute hat das Forum Umweltbildung zu einer spannenden Diskussion eingeladen. Martina Kaller-Dietrich (Buchautorin), Peter Laßnig (Gärtnerhof Ochsenherz) und Othmar Holzinger (Naturkost St. Josef) haben mit dem Publikum über die Mobilität von Lebensmitteln, das System unserer Nahrungsversorgung und die Zukunft der Ernährung gesprochen. Dies war zwar wenig kontroversiell (wo waren die Vertreter von Lidl &Co?), lieferte aber schöne Denkanstöße.

Martina Kaller-Dietrich hat zuerst einen Abriss über die Geschichte der Mobilität der Lebensmittel gegebn. Früher waren vor allem die Samen der Pflanzen mobil, was dazu geführt hat, dass Mais, verschiedene Bohnen oder die Tomate aus den Amerikas nach Europa gekommen sind. Im gegenzug haben die Europäer die auf den Schiffen mitgeführten Tiere dort frei gelassen, wo diese sehr schnell verwilderten. Ab den 1920er Jahren hat dann die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion, angetrieben durch die Fleischindustrie, so richtig abgehoben. Den Menschen wurde der tägliche Fleischkonsum (und Zucker) versprochen, damit sie im Lichte der Industrialisierung von ihrer landwirtschaftlichen Arbeit in die Fabrikhallen wechselten. Dieser neue Bedarf wurde von Anfang an auch durch Fleisch aus Amerika gedeckt. Als man begann die Tiere mit Menschenfutter (z.B. Mais) zu versorgen wandelte sich die Viehhaltung zur industriellen Produktion. Besonders die südamerikanischen Staaten konnten mit Innovationen wie Kühlschiffen punkten. In Nordamerika wurde die Industrialisierung in Chicago auf die Spitze getrieben. Um die massen an Rindern verarbeiten zu können wurde neben dem unnatürlichen Futter auch das Fließband erfunden. So konnten die Tiere schnell zum Schlachter gelangen, und die Fleischmassen abtransportiert werden.

Diese neuartige mobilität des Nahrungsmittels Fleisch hat dazu geführt, dass auch neue Verpackungsformen entstanden sind. Die Palette reicht von der eingedickten Rindersuppe (“Maggi”) bis hin zum Frankfurter Würstchen, dem Vienna Beef.
Gemeinsam mit der systematischen Industrialisierung aller Lebensbereiche hat der durch die Fleischindustrie initiierte Trend der Vorverarbeitung, Verpackung und Haltbarmacheung von Lebensmitteln nicht nur lange Transportwege sondern auch den modernen Supermarkt ermöglicht. Diese allgegenwärtige einfache Verfügbarkeit abgepackter Nahrung führt bis heute dazu, dass nicht nur das Kochen verlernt wird, sondern auch die Möglichkeiten der althergebrachten Lagerung von Lebensmitteln einfach nicht mehr zur Verfügung stehen. Wo findet man in unseren Städten noch einen Erdkeller der das Einlagern von Kartoffeln, Äpfeln oder Rüben ermöglichen könnte?

Wie nun diesem System entkommen? Der Wiener Biomarkt-Pionier Othmar Holzinger versucht dies seit 1988 indem er einen Naturkost-Laden mit angeschlossenem Restaurant betreibt. Dabei spielte der persönliche Kontakt zu den Produzenten eine große Rolle. Die Auswahl an Gemüse war in den ersten Jahren vergleichsweise mager, die Qualität aber immer ausgezeichnet. Inzwischen ist aber auch der Bio-Lebensmittel-Markt industrialisiert und viele Produkte kommen vom Großhändler, weswegen schon seit zwei Jahren überlegt wird, wie man wieder zurück zu den Wurzeln kommen kann. Die vielbeschworene Konsumentendemokratie ist dabei nicht der Weisheit letzter Schluss. Im Gegensatz zu großen Lebensmittelketten nimmt sich Holzinger die Freiheit heraus, nicht jedes Gemüse das ganze Jahr über zu Verkaufen. Auch Händler haben die Pflicht ihre Kunden zu erziehen.

Noch einen Schritt weiter geht Peter Laßnig vom Gärtnerhof Ochsenherz. Seit 2011 folgt der von ihm gegründete Betrieb einer Communty Supported Agriculture Philosophie. Dies bedeutet in dem Fall, dass interessierte Menschen nicht für das bezogene Gemüse eine Geldbetrag bezahlen, sondern durch monatlich Beiträge den laufenden Betrieb der Landwirtschaft finanzieren. Die so vollzogene Entkopplung der Gemüseproduktion von einer finanziellen Bewertung gibt den Gärtnern neue Freiheiten. Bei der Auswahl der angebauten Sorten ist es völlig irrelevant was den höchsten Marktwert erzielt, einzig die Versorgung der teilnehmenden Menschen ist entscheidend. Derzeit sind das mehr als 200 die im Großraum Wien wöchentlich mit Gemüse beliefert werden.

In der folgenden Diskussion wurde es einmal mehr deutlich, dass die in der westlichen Welt verbreiteten Schulsysteme, mit ihrem Fokus auf dem Hernaziehen guter Industriearbeiter und Steuerzahler völlig überfordert sind, wenn es darum geht Kindern die Herkunft von Lebensmitteln näher zu bringen. Das sich immer schneller drehende Hamsterrad der Erwerbsarbeit in dem sich die Eltern befinden tut sein übriges indem das Fertigprodukt, vielleicht auch noch nebenbei in der Straßenbahn konsumiert, zur Standardmahlzeit wird. Dazu kommt noch der bemerkenswerte Einwand eines Vertreters des Lebensministeriums, dass nach lancierung einer Pro-Gemüse-Kampagne sofort die (Fleischlobby) AMA auf der Matte stand um dagegen zu intervenieren.

Um eine nachhaltige Änderung dieses Systems herbeizufühern, ist es Notwendig, nicht nur die Produktion von Gemüse gemeinschaftlich zu organisieren, sondern auch die Verteilung (Stichwort FoodCoop) und Weiterverarbeitung. Bleibt nur die Frage wann man sich in einer auf Lohnarbeit fokusierten Gesellschaft dafür Zeit nehmen kann. Besonders in Krisenzeiten ist aber ein erfreulicher Trend des Hinterfragens althergebrachter Strukturen zu beobachten, ganz besonders wenn es um so grundlegende Bedürfnisse wie Ernährung geht.

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